Eine Lehrerfreizeit! Während wir Schüler nichtsahnend eine Woche Ferien im vermatschten Herbstwetter genossen hatten, fuhren unsere Lehrer gemeinsam auf eine Lehrerfreizeit. Das war ja mal was!
Nicht, dass es irgendwie unerhört oder unfair gewesen wäre – schließlich hatte das Kollegium ja auch Ferien und was die dann zusammen machten, konnte uns Schülern ja vollkommen egal sein – doch Herr Wolf hatte immer gerne betont, das Lehrer ja quasi überhaupt niemals Freizeit hätten.
Gut, wie viel Freizeit ihre Freizeit wirklich war, das wusste ich nicht. Frau Meyer hatte ziemlich viel Geld aus der Schulkasse bezahlt, um zu dieser Pädagogenfreizeit in das schicke Freizeitzentrum bei Salzburg zu fahren, in dem es für sie nicht nur Whirlpool, Sauna und warmes Buffet geben würde, sondern auch viele Workshops, Vorträge und Diskussionen mit anderen Lehrern, die genauso viel dafür bezahlt hatten.
Trotzdem war es irgendwie ulkig. Noch viel ulkiger war allerdings die Veränderung, die danach mit unseren Lehrern vorgegangen war.
Mal wieder waren sie zum Schuljahresanfang mit dem gewohnten Motivationsaufgebot gestartet – Dieses Jahr wird alles anders: pünktlicher Unterrichtsbeginn in jeder Stunde, wir kommen mit dem Lehrplan durch, unsere Schüler schreiben gute Noten (Und bekommen ihre Klassenarbeiten auch zeitnah wieder zurück!) und so weiter. Das ging genau drei Wochen lang gut, dann war der Stresslevel schon so hoch, dass man das Chaos schwer beschreiben konnte. In der letzten Woche vor den Ferien konnten die Lehrer dann tatsächlich kaum noch. Selbst Herr Stenzel, der neue Mathelehrer, wäre einmal fast in seinem eigenen Unterricht eingeschlafen. Dass es so weit kommen konnte, hatte uns dann doch ziemlich beunruhigt.
Jetzt waren sie also auf Lehrerfreizeit. Eine Woche lang. Und diese Woche schien sie auf wundersame Weise ganz und gar verändert zu haben.
Dass Herr Kaiser beim Kopieren fröhlich ein Liedchen vor sich hin pfiff, das war ja noch nicht so verwunderlich.
Doch als Frau Meyer strahlend vor guter Laune zur Türe in unser Klassenzimmer spitzte und nett fragte: »Na wie geht’s denn?«, begann die Sache wirklich seltsam zu werden. Sonst fragte sie uns nur so Sachen wie: »Wer war das?« oder »Seid ihr denn noch zu retten«. Und dabei war sie auch meistens ganz anders drauf.
Als dann allerdings Herr Stenzel, die Ordnung in Person, eine Minute zu spät zu seinem Matheunterricht im Klassenzimmer auftauchte und uns am Ende der Stunde nur eine einzige Aufgabe für zu Hause aufgab, da waren wir uns alle recht sicher, dass das nicht mit rechten Dingen zugehen konnte.
Bald war das Gerücht in aller Munde: Die Lehrerfreizeit! Irgendetwas musste auf der Lehrerfreizeit passiert sein!
»Rasmus, dem musst du mal auf den Zahn fühlen!«, grummelte Sascha in der Vesperpause. »Was auch immer da passiert ist, ich will es erfahren!«
»Na, dann find’s doch raus«, gab ich zurück. »Du bist doch hier der Mafioso!«
»Na hör mal! Mafioso! Nur wegen der Sache mit dem Fahrrad«, Sascha gab sich ein bisschen empört. »Nein, ich finde, ein rasender Reporter ist für diese Aufgabe viel besser geeignet als ein Langfinger wie ich!«
Ich warf einen prüfenden Blick auf Saschas kurze, dicke Wurstfinger. Na ja.
Ich gebe es zu: ich war selber auch ganz schön neugierig. Also schnappte ich mir Stift und Notizbuch und machte mich im Schulhaus auf die Jagd nach Informationen. Nicht jeder Lehrer war gleich gesprächig. Frau Meyer war erst mal der Meinung, mich würde es sowieso nichts angehen und Herr Kaiser wich mir aus, wo meine Nasenspitze nur zu sehen war. Andere waren etwas kooperationswilliger. Frau Valeas Tochter Sara hatte außerdem noch ein paar Bröckchen an Insiderinfos, die sie mir auf einem Schmierzettel zusteckte. Ricardo, unser Haus- und Hofhandwerker hatte auch etwas mitbekommen und gab mir bereitwillig Auskunft. »Wenn du hast herausgefunden, was weiter passiert ist, dann lass gute alte Ricardo zuerst wissen!«, schärfte er mir noch ein, nahm einen weiteren Zug an seiner Zigarette und seufzte: »Gute, alte Lehrerteam immer machen so viel Ärger…«
Zwei Schultage später war mein Notizbuch vollgekritzelt und ich musste alle Geschichtensplitter sortieren und ein wenig gewichten, was glaubwürdig und was weniger glaubwürdig war. Die Mühe lohnte sich: Am Ende hatte ich einen fast lückenlosen Bericht über die vergangene Woche beisammen.
»Dann schieß mal los, Rasmus«, Sascha rieb sich vergnügt die Hände. »Ich kann es kaum erwarten«
»Es ist tatsächlich eine ziemlich… spezielle Geschichte«, meinte ich geheimnisvoll. Dann legte ich los.
Freitags nach Schulschluss begann die Lehrerfahrt ins Ungewisse, wie ich sie hier mal nennen werde. Eigentlich waren sie sich sehr gewiss, wie es werden würde. Herr Bruchsaal saß am Steuer des alten, wackeligen Schulbus, Frau Meyer saß auf dem Beifahrersitz. In den Reihen hinter ihnen saßen eingeparkt Herr Wolf, Herr Kaiser, Herr Stavning, Frau Valea, Herr Stenzel und Frau Fiore. Schulhund Nola war auch mit auf Freizeit.
Herr Bruchsaal drehte den Schlüssel um. Nichts passierte. Der Motor sprang nicht an.
Herr Bruchsaal probierte es noch einmal. Das Auto hustete kurz, dann war alles still.
Frau Meyers Erzählungen nach hatte Herr Bruchsaal einige unschöne Verwünschungen gezischt. In Herrn Bruchsaals Version zückte er sofort sein Handy, um Ricardo anzurufen.
Ricardo war zufällig gerade in der Gegend.
»Muss eine bisschen von die gute alte Bauchgefühl gewesen sein, wo hat mir gesagt, Hiob-Schule braucht mich noch dieses Nachmittag!«, erzählte er mir.
Auf jeden Fall war er prompt zur Stelle und sah sich den Motor des Schulbusses an. Die Lehrer standen in einer Traube um ihn herum und sahen ihm gespannt zu.
Schließlich zuckte Ricardo mit den Schultern. »Das dauern wird …«, seufzte er. »Armes, altes Schulbus wird langes Werkstattaufenthalt vor sich haben. Funktioniert nichts mehr. Gut, manche Ding hat vielleicht noch etwas von Funktionsfähigkeit. Aber nicht für das vorgesehene Funktion. Tut mir leid …«
Die Lehrer wurden dann doch etwas nervös. Man beriet sich leise gezischt und ziemlich ärgerlich, wie es denn nun weiterginge. Herr Kaiser schlug vor, die Freizeit einfach abzusagen. Da war Frau Meyer allerdings dagegen.
»Wir haben diese Freizeit für Lehrer und Pädagogen vor Wochen gebucht. Es gibt keine Rückerstattung bei Stornierung!«, erklärte sie kühl.
»Okay«, meinte Frau Fiore fest. »Dann sollte uns jetzt was einfallen. Es bringt uns auch nichts, für die Freizeit zu zahlen und dann nicht dort hinzukommen.«
»Wir nehmen den Zug!«, entschied Frau Meyer.
Die anderen Lehrer hielten das für einen guten Vorschlag und nickten. Alle, bis auf zwei. Herr Kaiser und Herr Stavning zogen skeptisch die Augenbrauen hoch. Herr Stavning wegen Nola (Sie war nicht der Inbegriff eines artigen Hundes, das wussten wir ja. Und sie war noch nie zuvor Zug gefahren). Herr Kaiser, weil er, wie er selber sagte, schon so einige Erfahrungen mit der Bahn gemacht hatte.
Doch man diskutierte nicht lange. Herr Wolf schlug in seiner App nach, welche Route sie am besten nehmen könnten.
»Wir fahren über Nürnberg. Wenn wir den nächsten Regio zum Hauptbahnhof erwischen, schaffen wir noch den ICE, der von Nürnberg über Augsburg bis Wien fährt. Von Wien bekommen wir dann eine S-Bahn, die bis Puch fährt, wo das Freizeitzentrum liegt«, gab er bekannt.
Also wurde der vollbepackte Schulbus wieder ausgepackt, die Lehrer beluden sich mit ihrem Gepäck, Herr Stavning nahm Nola an die Leine und auf ging’s! Die Lehrerprozession führte einmal quer durch Hergendorf bis zu dem kleinen Bahnhöfchen. Es gibt hier nur ein Gleis und es hält auch nur ein Zug. Alle zwei Stunden die Regionalbahn.
Sie fuhr mit drei Minuten Verspätung ab an diesem Freitag. Die hatte es auch gebraucht, sonst hätte das Lehrerteam ihr hinterherwinken können.
»Okay, jetzt haben wir etwa zweieinhalb Stunden bis Nürnberg. Dann erwischen wir noch den ICE nach Wien!«, meinte Herr Stenzel mit Blick auf Herrn Wolfs App.
Herr Stenzel war unser schulisches Mathegenie, keine Frage. Aber hier machte er einen entscheidenden Fehler: Er ließ einen Faktor außer Acht. Den Faktor Verspätung.
Und der kam voller Genugtuung zum Zug.
– »Sehr geehrte Fahrgäste, leider müssen wir ihnen mitteilen, dass wir aufgrund von Personalmangel im nächsten Bahnhof zwanzig Minuten länger halten werden«
– »Sehr geehrte Fahrgäste, wir müssen ihnen mitteilen, dass wir wegen einer Kuhherde auf den Gleisen leider gerade nicht weiterfahren können«
– »Sehr geehrte Fahrgäste, wir möchten sie auf das reichhaltige Angebot in unserem Bordbistro aufmerksam machen«
Gut, das letzte war kein Verspätungsgrund. Nicht wirklich. Vielleicht hatte aber der Zugchef selbst vor der Abfahrt davon gegessen, denn beim nächsten Halt hieß es.
»Da ihrem Zugchef leider unpässlich geworden ist, werden wir am nächsten Bahnhof warten, bis ein neuer zur Verfügung steht«
Und so standen die Lehrer am Hauptbahnhof Würzburg, während in Nürnberg der ICE nach Wien ohne sie losfuhr.
Mit über einer Stunde Verspätung kam der Regio dann tatsächlich am Ziel an.
»Und jetzt?«, fragte Herr Kaiser, den das ganze Unternehmen schon ziemlich nervte.
»Jetzt haben wir ein Problem«, stellte Herr Wolf recht sachlich fest.
In diesem Punkt waren sie sich alle einig.
Herr Stenzel fand schließlich heraus, dass in einer halben Stunde ein Bummelzug in Richtung München abfahren würde.
»Da wären wir noch nicht ganz am Ziel«, stellte Frau Meyer fest.
»Aber auch nicht mehr ganz so weit davon entfernt«, ergänzte Frau Fiore.
»Und von wo fährt dieser Zug ab?«, fragte Frau Valea.
»Von Gleis 3«, wusste Herr Stenzel.
Mechanisch richtete der Blick der Lehrer sich auf das blaue Schild über ihrem Bahnsteig. Plattform 22
»Das ist am anderen Ende des Bahnhofs!«, seufzte Herr Kaiser entnervt.
Also alle Lehrer runter in die Unterführung und gegen den Strom der Businessreisenden im hellen Anzug, der laut telefonierenden Ostblock-Einwanderer und der aufs Handy starrenden Teenies einmal unter allen Bahnsteigen hindurch. Der Zug stand schon am Gleis, als sie endlich ankamen.
Herr Wolf hatte über sein Handy online Tickets gelöst, sodass die Lehrer sich gleich in den Zug hineinzwängen konnten. Die Wagen waren schon ziemlich voll. Sie mussten lange suchen, bis sie ein Abteil fanden, in dem sie alle sitzen konnten.
Herr Stavning war ganz unglücklich, weil Nola wohl irgendetwas am Bahnhof gefressen hatte. (Er war nicht ganz sicher, ob es nur einer der vielen Essensreste war oder doch der teetassengroße Hund einer Frau am Bahnsteig, den Nola schon freudig beschnuppert und der sie böse angeknurrt hatte) Herr Bruchsaal meinte, er habe es genau gesehen und es sei eine halbvolle Zigarettenschachtel gewesen. Er konnte sich allerdings auch nicht erinnern, den Hund der Dame noch einmal gesehen zu haben.
Was immer es war, Nola behielt es nicht lange bei sich. Das war nicht sehr angenehm und ich verschone hier alle Anwesenden mit Details. Die Lehrer hatten mich leider nicht verschont. Herr Stenzel gar wollte analysieren, was sie wirklich gefressen hatte, anhand von … ach, vergessen wir’s!
Herr Kaiser meinte, sie wären ziemlich platt gewesen, als sich der Zug dann in Bewegung setzte.
Er tat, was ein Bummelzug eben so tut, er schlich über die Gleise wie eine müde Schnecke. Ähnlich fühlten sich die Lehrer. Sie hatten jetzt schon so viel Verspätung, dass sie wahrscheinlich nicht mehr pünktlich zum Anfang ihrer Fortbildungsfreizeit ankommen würden.
Nach zwei Haltestellen gab es eine wichtige Durchsage. »Wie im Fahrplan vermerkt, teilen wir unseren Zug am kommenden Bahnhof mittig auf. Wagen 1-4 werden nach München fahren, Wagen 5-8 gehen ins Fichtelgebirge Richtung Neuenmarkt«
Die Lehrer bekamen kaum etwas mit, weil Nola gerade – … ihr wisst schon, und Herr Stavning nicht wusste, wie er das jetzt der Schaffnerin erklären sollte. (Sie hatte vorher schon ziemlich verärgert mit ihm geschimpft, weil Nola ohne Maulkorb unterwegs war. Und auch Herr Stavning Ausrede, sie sei ein so lieber Hund, änderte nichts daran: Vorschrift blieb Vorschrift)
Sie bemerkten es erst eine Haltestelle später. Der Aufenthalt war etwas länger und die zwei Teile des Zuges zogen in unterschiedliche Richtungen davon.
Frau Meyer wurde auf einmal ganz blass und fragte Herrn Bruchsaal, ob er nicht einmal nachsehen könnte, in welcher Wagennummer sie säßen.
Herr Bruchsaal ging vor und kam zurück. »Da steht nur etwas von Nichtraucherwagen, Ruheabteil und Maulkorbpflicht für Hunde«, meinte er.
Herr Kaiser war inzwischen in die andere Richtung aufgebrochen. Als er zurückkam, lag ein etwas schiefes Grinsen auf seinem Gesicht.
»Wir sitzen in Wagen Nummer 5«, verkündete er.
Die darauffolgende Panik wurde wahrscheinlich von allen meinen Informanten ziemlich heruntergespielt. Ich glaube ja, Frau Meyer war drauf und dran, die Notbremse zu ziehen.
Doch der Zug zuckelte weiter durch die Fränkische Schweiz in Richtung Fichtelgebirge.
»Das kann auch nur unseren Lehrern passieren«, murmelte Sascha und rollte mit den Augen.
»Falsch«, ich sah ihn fest an. »Wenn wir hier mit unserer ›ich-probier-mal-ob-man-auf dem-Lehrerstuhl-Discofox-tanzen-kann‹-Klasse auf so einen Trip gehen würde, was meinst du, wo würden wir rauskommen?«
»Hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen«, stellte Sascha kühl fest. Andreas presste die Lippen zu einem schmalen Spalt zusammen und nickte.
»Trotzdem, bei dem, was jetzt kommt, bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass es nur unseren Lehrern so passieren kann«, meinte ich.
Sie hatten nicht einmal nachgeschaut, wie das Kaff denn überhaupt hieß. Sie wollten nur so schnell es ging raus aus dem falschen Zug. Und dann standen sie auf dem kleinen Bahnsteig in dem fremden Kaff. Der Zug zuckelte davon. Sie waren allein. Allein auf einem eingleisigen Provinzbahnhof, irgendwo zwischen Nürnberg und der tschechischen Grenze.
»Ruprechtsstegen«, Herr Kaiser seufzte. »Ich glaube, wir sind offiziell im letzten Kaff vor dem Ende der Welt«
