Die Lehrerfreizeit – Teil 2

Teil zwei des "Dramas" Ein ganz besonderes Abenteuer erwartet die Lehrer der Hiob-Schule. In den Herbstferien geht es auf Lehrerfreizeit. Doch die Hiob-Schule wäre nicht die Hiob-Schule wenn alles wie geschmiert laufen würde. Das Lehrerteam erwartet eine denkwürdige Woche!

»Lehrer kommt!«

Laut erklang der altbekannte Warnruf des Ausgucks, der das Unheil so manches Mal in letzter Sekunde abfängt.
Blitzschnell saßen alle wieder auf ihren Plätzen und nicht mehr auf den Tischen und Schränken um meinen Platz herum. Fast genauso schnell waren meine Aufzeichnungen über die unsägliche Lehrerfreizeit wieder in meinem Schulranzen verschwunden.
Doch vor Herrn Bruchsaal hätten wir heute nichts verbergen müssen. Auch bei ihm hielt diese seltsame gute Laune noch an, die er von der Lehrfreizeit mitgebracht hatte. Er schrieb weder einen unvorbereiteten Test, noch gab er uns Hausaufgaben auf.
Mich wunderte nichts mehr, ich kannte die ganze Geschichte ja schon.


Die anderen hatten sich sofort wieder um meinen Platz gedrängt, kaum, dass Herr Bruchsaal wieder aus dem Zimmer verschwunden war.
»Wo war ich stehen geblieben?«, fing ich langsam an.
»Bahnhof Ruprechtsstegen!«, wusste Sascha und trommelte auf dem Tisch herum. »Auf, weiter gehts. Wir wollen hören, wie es den Lehrern ergangen ist«
»War es da nicht schon dunkel?«, fragte Andreas. »Ich mein, die waren doch schon einige Stunden unterwegs«
Ich nickte. »Dunkel, feucht und auch ziemlich kalt«



Ein leichter Wind trieb vereinzelte Nebelfetzen über die verwaisten Gleise. Es war halb Acht, die Sonne hatte sich schon verabschiedet und war einer graublauen Herbstnacht gewichen. Im fahlgelben Schein der Bahnsteigbeleuchtung saß unser Lehrerkollegium auf den Bahnhofbänken und sah ziemlich missmutig drein.
Herr Kaiser erzählte mir, Frau Meyer habe leise vor sich hin geflucht, Frau Meyers vermerk zu dieser Situation war lediglich, sie habe sich »nicht ganz wohl in ihrer Haut« gefühlt.
Nun, das hatte kein Lehrer. Erst recht nicht, als Herr Stenzel auf dem Fahrplan entdeckte, dass in den nächsten vierzehn Stunden hier kein Zug zu erwarten war.
Sie saßen fest. In Ruprechtsstegen. Fünf Minuten vom Ende der Welt.
»Und wo übernachten wir dann?«, fragte Frau Valea ziemlich unbehaglich. Sie sprach damit wohl aus, was sich alle insgeheim schon gefragt hatten. Allerdings, ohne eine Antwort zu finden.
Missmutiges Schulterzucken machte die Reihe. Selbst Nola sah etwas betreten drein. Vielleicht war ihr ihre »Ich-würg-einfach-mal-die-letzten-drei-Mahlzeiten-raus«-Nummer aus dem Zug inzwischen auch etwas peinlich.
»Hier am Bahnsteig will ich ganz sicher nicht übernachten«, fröstelte Frau Fiore.
»Meine Wetter-App sagt, dass es in etwa drei Stunden anfängt, zu regnen«, verkündete Herr Wolf.
Das trug nicht gerade zur guten Stimmung bei.
Herr Stenzel fand heraus, dass der kleine Imbiss, der sich in einem alten Bahnwagen direkt am Bahnsteig befand, noch geöffnet hatte und so setzten sich die Lehrer erst mal ins Warme und bestellten sich ein Abendessen.
Warme Betten hatte man ihnen versprochen. King Size. Mit Dusche, Whirlpool, Massagesessel und Zimmer mit Balkon.
»Nach diesem vermurksten Tag war es ja klar, dass wir irgendwo in einer Bahnunterführung schlafen müssen«, Frau Meyer war ziemlich deprimiert.
»Lass uns doch mal sehen«, Herr Kaiser wollte die Hoffnung nicht so schnell aufgeben. »Es gibt einige Bed-and-Breakfest Angebote in der Nähe. Vielleicht gibt es da noch ein Zimmer für uns!«
Erleichtertes Aufatmen und Nicken allerseits. Hätten sie gewusst, wo sie die Nacht verbringen würden, dann hätten sie sich das Aufatmen gespart.
Herr Wolf fand im Internet ein B&B, das genügend freie Betten hätte und stellte sein Handynavi darauf ein. Frau Meyer bezahlte das Abendessen und weiter ging die Reise. Dieses Mal auf Schusters Rappen, ein anderes Transportmittel stand ja nicht zur Verfügung.
»Wie lang ist der Weg bis zur Pension?«, wollte Frau Valea wissen.
»Eine halbe Stunde. Wir müssen drei Dörfer weiter«, erklärte Herr Wolf.
Eine ganze Weile marschierten sie so an der Landstraße entlang und waren eigentlich wieder ganz frohen Mutes. Zu früh allerdings. Viel zu früh.
Herr Wolf und Herr Bruchsaal hatten das Navi-Handy bei sich und gingen voraus. Die anderen Lehrer waren schon etwas überrascht, als die beiden Anführer auf einmal nach rechts vom Weg abbogen. Herr Kaiser blieb skeptisch stehen und legte die Stirn in Falten. »Das ist ein kleiner, schmaler Waldweg«, stellte er sachlich fest.
»Das Navi sagt, wir müssen da entlang!«, rief Herr Bruchsaal über die Schulter zurück.
Herrn Kaisers Vertrauen in Navis war nicht mehr besonders hoch. Also entgegnete er: »Ich weiß nicht. Das letzte Mal, dass ich einem Navi nach so einen Waldweg entlang bin, hat es ziemlich lange gedauert, bis ich die Außenwelt wieder gesehen habe«
»Das ist eine Abkürzung!«, beharrte Herr Wolf.
»Gerade gut«, stöhnte Frau Meyer. »Mir ist kalt, mir tun die Füße weh. Ich sehne mich nach der Wärme von einem Bett!«
Herr Stavning stimmte ihr zu. Nur in einer Sache war er nicht einig mit ihr: »Es heißt ›nach der Wärme eines Bettes‹«

Während Herr Stavning und Frau Meyer sich auf dem Waldweg noch darüber foppten, ob der grammatikalisch richtige Genetiv in Ausnahmesituationen wie dieser eher wichtig oder unwichtig ist, springen wir mal kurz zurück nach Hergendorf, wo unsere Mitschülerin Sara, Frau Valeas Tochter, alleine zu Hause war.

Das Abendessen hatte sie sich in der Mikrowelle warm gemacht. Herr Valea, den kein anderer an der Schule jemals zu Gesicht bekommen hatte, war auf Geschäftsreise im vorderen Orient. Sara war also alleine im Haus und begann sich langsam Sorgen zu machen. Ihre Mutter war seit Mittag auf Lehrerfreizeit und hatte sich kein einziges Mal gemeldet. Der Grund dafür – neben der eben erzählten Odyssee – war, dass sie ihr Handy zu Hause vergessen hatte. Als Sara ihre Mutter dann gegen neun Uhr abends anrief, merkte sie das.
»Na, das wird schon nicht weiter schlimm sein«, sagte sie und entschloss sich, mal bei der Rezeption des Tagungszentrums anzurufen.
Die Dame am Telefon hätte ihr gerne weitergeholfen, doch leider war keine Frau namens Valea bei ihnen und auch an die Ankunft des Lehrerteams aus Hergendorf konnte sie sich nicht erinnern.
Sara legte auf und war nun doch ziemlich beunruhigt.
Auch die Dame am anderen Ende der Leitung begann, sich Sorgen zu machen und rief ihren Vorgesetzten an. Der fand die Sache auch durchaus seltsam und rief einen Kollegen an, während die Dame am Empfang bei der örtlichen Polizei anrief. Sara derweil tigerte unruhig im Wohnzimmer auf und ab, und entschloss sich schließlich, Ricardo anzurufen.
Und während hier tausend Telefonate geführt werden, kehren wir zurück in den tiefen mittalfränkischen Wald.

Inzwischen war eine neue Situation eingetreten.
»Satellitenverbindung verloren«, erzählte die Navidame seelenruhig. »Bitte versuchen sie, wieder eine Verbindung herzustellen!«
Herr Wolf legte die Stirn in Falten. »Das ist mir ja noch nie passiert!«
Die ganze Truppe stand etwas hilflos im Wald herum.
»Die Richtung weißt du aber noch ungefähr?«, wollte Frau Meyer bange wissen.
Herr Wolf zuckte mit den Schultern. »Den Weg eben weiter. Irgendwann führt der wieder auf eine Straße«
Frau Fiore nickte. »Dann lass uns weiter gehen! Mir ist kalt. Und ein Bett brauchen wir alle, glaub ich!«
Also gings weiter. Bis der Weg sich gabelte.
»Das hat dein Handy nicht vorhergesehen«, seufzte Herr Kaiser.
Herr Wolfs Handy machte sich prompt bemerkbar. »Akkustand schwach«, ertönte die monotone Stimme. »Schließen Sie Ihr Handy bitte an das Stromnetz an«
»Sei still!«, zischte Herr Wolf ärgerlich.
»Soweit ich die Karte in Erinnerung hab, müsste es doch nach links gehen!«
Also gingen sie alle nach links. Herr Wolfs Handy verabschiedete sich derweil in den Urlaub und ging aus. Herr Bruchsaal zog sein hervor und übernahm.
»Wie war die Adresse von dem Hotel?«, fragte er.
Nach etwas herumdrucksen mussten sie irgendwie feststellen, dass keiner mehr wusste, wie das Hotel genau hieß, und wo es war.
Es hätte allerdings sowieso nichts gebracht, denn Herr Bruchsaal hatte kein Netz und auch die anderen Lehrer bekamen keine Internetverbindung. Nicht mal Frau Meyer, die irgendeinen ganz wilden Internet-Extra-Deluxe-Plus-Vertrag abgeschlossen hatte, bekam das kleinste bisschen Aussschlag. Es brachte auch nichts, dass sie auf Herrn Bruchsaals Schludern kletterte und das Handy über ihrem Kopf hin und her schwenkte. Es sah nur ziemlich albern aus (zumindest laut Herr Kaiser).
»Bayern ist echt das Ende der Welt«, zischte sie verdrießlich. »Warum können die nicht irgendwie das Land mit Internet abdecken«
»Wozu? Hier im Wald braucht doch kein Schwein Internet«, murmelte Herr Kaiser.
Frau Fiore kicherte. »Im wahrsten Sinne des Wortes. Stell dir mal vor, die Wildschweine wollen ihren Laptop hier einloggen. Oder die Eichhörnchen rufen bei der Forstverwaltung an, um sich über den Förster zu beschweren oder …«
Herr Wolf gab zu Protokoll, dass er das nicht witzig fand.
»Wohin gehen wir denn, wenn wir nicht wissen, wohin?«, fragte Frau Valea etwas kleinlaut.
Herr Stavning, der als Kind bei den Pfadfindern gewesen war, übernahm erst mal die Führung. Nola beteiligte sich als Fährtenhund. Allerdings zog sie andauernd vom Weg in andere Richtungen davon und war so nicht besonders hilfreich.
Das Licht der Handytaschenlampen durchschnitt die Dunkelheit der Nacht. Inzwischen war es tatsächlich Nacht. Neun Uhr zeigte Herrn Bruchsaals Armbanduhr, die ging allerdings meistens etwas nach.
»Nein, hier ist eindeutig falsch!«, meinte Herr Stavning und legte die Stirn in Falten, als sie auf einem Bauernhof in der Pampa herauskamen.
»Jetzt übernehm ich mal die Führung!«, meinte Frau Meyer.
Und so ging die Lehrerpolonaise weiter. Handytaschenlampen tanzten durch die Nacht, über Straßenkreuzungen, Schotterwege und durch das Dickicht des Waldes. Egal, wohin man sich wandte, schon bald stand man wieder mitten im Wald.
»Mir reicht es langsam«, schimpfte Frau Meyer schließlich verzweifelt. »Scheiß Bayern!«


»Zu ihrem letzten Kommentar gibt es eine recht dürftige Beweislage«, schob ich dazwischen. »Allerdings dachte ich, da es doch ein, zwei Belege dafür gibt, führe ich das hier mal auf.«
Andreas nickte. »Klingt irgendwie bedenklich«
»Das war die Verfassung der Lehrer auch«, ich grinste geheimnisvoll. »Ich erzähl mal weiter …«


Herr Stavning wollte Frau Meyer gerade erklären, dass das hier streng genommen Oberfranken war und Franken und Bayern es nicht liebten, verwechselt zu werden, als Herr Stenzel eine seltsame Feststellung machte:
– »Hier steht ein Lebkuchenhaus!«
»Was?«, Frau Meyer horchte auf. »Johann, wiederhole das bitte, ich hab gerade ernsthaft verstanden, du hättest gesagt, dass da ein Lebkuchenhaus stünde«
»Das tut es ja auch!«, rief Herr Bruchsaal.
Tatsächlich! Hinter der nächsten Biegung stand ein Lebkuchenhaus, nicht groß genug für einen Menschen, doch trotzdem nicht klein. Es war mit Spinnweben und Laub bedeckt, der Lack war von dem Bauwerk an einigen Stellen abgesplittert. Fast wirkte es wirklich so, als ob gleich eine Knusperhexe herauskommen könnte.
»Himmel, was macht das denn da?«, fragte Frau Fiore verdattert.
Herr Bruchsaal zuckte mit den Schultern.
»Was ist das hier denn?« Am Wegesrand stand ein Steinpfosten mit einem großen, grünen Knopf darauf. Herr Wolf konnte es natürlich nicht bleiben lassen, daran herumzufummeln.
Da ging auf einmal die Tür des Knusperhauses auf und eine schrumpelige Hexe erschien.
»Knusper, Knusper Knäuschen, wer knuspert an meinem Häuschen?«, ertönte eine blecherne Stimme.
Herr Bruchsaal erklärte mir, er habe schon vorher so etwas geahnt und es sofort durchschaut. Frau Fiore meinte sich allerdings genau daran zu erinnern, wie Herr Bruchsaal mit einem lauten Schrei zurückgesprungen wäre und sich hinter Nola geduckt hätte.
Was genau passiert ist, überlasse ich Ihrem Urteil.
Bei einem genaueren Blick war auch der Lack der Hexe schon ziemlich abgesplittert und Rost hatte sich ihre linke Hand hinauf gefressen. Nicht, dass es sie weniger unheimlich erscheinen ließ. Doch man konnte doch sehen, dass sie nicht echt war. Langsam fuhr sie auf ihrer Metallschiene wieder zurück und die Tür schloss sich.
»Ups«, stellte Herr Wolf fest.
»Ein Märchengarten«, stellte Herr Kaiser verwundert fest.
»Kann man das irgendwo wieder ausschalten?«, fragte Herr Wolf und drehte und drückte an dem Knopf auf dem Felspfosten herum. Mittlerweile hatte die blecherne Stimme aus dem verborgenen Lautsprecher begonnen, das Märchen weiterzuerzählen.
Herr Wolf drückte und drehte und schließlich brach der Knopf ab. Der Erzähler laberte munter weiter und schien sich nicht daran zu stören.
Die anderen Lehrer waren weitergegangen. »Was ist das hier für ein Ort?«, fragte Herr Kaiser mit wachsender Verwirrung,
Auf einer Lichtung standen mehrere lebensgroße Skulpturen von Dinosauriern. Frau Meyer schritt staunend zwischen den Beinen einer T-Rex-Statue hindurch.
Überall lag Laub auf dem Boden und Schlingpflanzen rankten sich die Beine der gigantischen Statuen hinauf.
»Dieser Ort wird immer seltsamer«, murmelte Frau Fiore leise.
Nola sah sich ziemlich verwirrt um und begann, einen der Dinos anzukläffen.
Herr Stenzel und Herr Bruchsaal waren mal wieder vorausgegangen. Jetzt tönten ihre Stimmen  über die Lichtung. »Kommt her! Das müsst ihr euch anschauen«
Schnell versammelten sich alle Lehrer hinter ihnen und sahen staunend am Waldrand über eine Ansammlung dunkler Gebäude. Die Lichter der Handytaschenlampen streiften über die Schilder »Saloon« und »Wild west«. Eine verlassene Westernstadt.
Frau Fiore sprach aus, was sie alle dachten: »Hänsel und Gretel, Jurassic Park und jetzt der wilde Westen – wo um alles in der Welt sind wir hier gelandet?«

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