Klassenzimmer Internet
Wenn ich etwas überhaupt nicht leiden kann, dann Videokonferenzen!
Mittlerweile, nach fast einem halben Lockdown-Jahr, haben selbst unsere Lehrer das Internet für sich entdeckt. Seit vergangener Woche hatten wir regelmäßig Unterricht in Videokonferenzen. Allerdings lief das noch nicht ganz so, wie sich das die Lehrer vermutlich vorgestellt hatten.
Bei unserer ersten Onlinesitzung sahen wir die Hälfte der Zeit nur Herrn Kaisers Küche und zwischendurch seine Frau (die ihn fragte, warum um alles in der Welt er den Laptop auf die noch heiße Herdplatte gestellt hatte), die andere Hälfte der Zeit vergeudete Herr Kaiser dann mit dem Beheben technischer Probleme.
Heute durfte sich dann Herr Stavning am Online-Unterricht versuchen.
Die Sitzung begann schon um acht Uhr morgens– somit frühstückte ich ein bisschen früher und rief direkt danach noch einmal meine E-Mails ab – vielleicht hatte Herr Stavning ja noch Arbeitsblätter für die Deutschstunde geschickt. Ein Blick reichte aus: Nein, hatte er nicht – In unserem Postfach befand sich lediglich ein PDF-Katalog für Hundespielsachen. Ich verschob ihn in den Spam-Ordner und begann, mich für die
Einigermaßen pünktlich loggte ich mich in ein, gab meinen Namen und mein Passwort an und wurde in den digitalen Sitzungssaal gelassen. Auf dem Bildschirm meines Laptops erschien nun links eine Liste mit den Namen meiner Mitschüler, rechts ploppte ein Fenster mit dem Gesicht von Herrn Stavning auf. Irgendetwas stimmte nicht, das war an seinem besorgten Gesichtsabdruck zu sehen.
„Leander, kannst du mich hören?“, fragte er gerade sehr ernst, langsam und deutlich.
Nein, Leander konnte ihn wahrscheinlich nicht hören, denn anstatt einer Antwort kam von Leander aus nur irgendein schlimmes Krach- und Quietschgeräusch.
Sascha, unser Klassenclown, aktivierte sein Mikrofon. „Herr Stavning!“, meinte er, „Leander hat mir eben per SMS geschrieben, dass etwas bei ihm nicht funktioniert … – Er schreibt, er kann Sie hören und sehen, aber wenn er versucht sein Mikrofon einzuschalten, dann stürzt sein Computer ab oder macht diese seltsamen Geräusche.“
„Na toll“, bemerkte Herr Stavning. „Aber gut, wenn er uns hören kann, ist das Wichtigste ja schon mal vorhanden. Fangen wir eben so an…“ Herr Stavnings Gesicht verschwand von der rechten Bildschirmhälfte und wenige Sekunden später tauchte stattdessen ein Arbeitsblatt auf.
„So ihr Lieben“, ertönte Herrn Stavnings Stimme aus dem Off, „Dieses Arbeitsblatt habe ich euch gestern Abend zugemailt.“
Empörtes Protestgemurmel von allen Schülern erhob sich.
„Also, ich hab nichts bekommen!“ beschwerte sich Sara.
„Ich auch nicht!“, pflichtete Felix ihr bei.
„Krvlpfringquieetschfrtschmlqiiiiekel“ hörte man von Leanders Mikrofon.
„Okay“, Herrn Stavnings Stimme wurde nervöser, „ich dachte, ich hätte es rumgeschickt – wartet mal kurz …“.
Man hörte einen Stuhl über den Boden kratzen, Schritte die sich entfernten, dann war es still in der Videokonferenz. Nach etwa zwei Minuten erschien Herrn Stavnings Gesicht wieder auf dem Bildschirm. Er sah etwas bedröppelt aus.
„Sorry“, meinte er entschuldigend, „Ich habe versehentlich die falsche Datei verschickt – die mit dem Werbekatalog für Hundespielzeug, den ich gestern angefordert hatte. Jetzt hab ich die richtige PDF verschickt. Könnt ihr euch bitte das Arbeitsblatt schnell ausdrucken?“
Fünf Minuten später hatten wir alle einen Ausdruck des Arbeitsblattes vor uns liegen.
„So, jetzt zur ersten Aufgabe …“ begann Herr Stavning, wurde aber jäh von Ben unterbrochen.
„Warum ist da kein Nutella drauf?“, rief dieser mit empörter Stimme in die Sitzung hinein. Herr Stavning bekam einen sehr seltsamen Gesichtsausdruck.
„Warum ist wo kein Nutella drauf?“ fragte er verwirrt.
„Ups … Also, Herr Stavning, das war jetzt eigentlich nicht… ich hab aus Versehen das Mikrofon angemacht – reden Sie ruhig weiter“ hörte man Ben erschrocken, dann deaktivierte er sein Mikrofon schnell wieder.
Schade, denn die Sache mit dem Nutella hätte mich schon interessiert …
Herr Stavning schien das nicht so brennend zu interessieren, denn nachdem er sich kurz gesammelt hatte, machte er mit seinem Unterricht weiter. „Also“ begann er wieder, „letzte Woche habe ich ja als Hausaufgabe aufgegeben, dass ihr die Kurzgeschichte, die ich euch gegeben habe, lest.“
„Sie haben WAS??????“ Saras Stimme klang ein wenig entsetzt.
Herr Stavning hielt kurz inne, dann antwortete er verunsichert: „Ich hatte als Hausaufgabe aufgegeben, dass ihr die Kurzgeschichte, die ich euch gegeben habe, lest.“
– „Wann?“
– „Letzte Woche“
– „Und warum bekomme ich davon nix mit???“, Sara schien am Rand der Hysterie.
„Keine Ahnung warum du davon nichts mitkriegst – die anderen haben es auf jeden Fall mitbekommen!“, meinte Herr Stavning mit fester Stimme, dann setzte er doch leicht verunsichert noch hinzu: „Oder etwa nicht? Ben – hast du die Hausaufgabe gemacht?“
Ben schaltete sein Mikrofon ein – sehr laute Schmatzgeräusche wurden hörbar. Dann hörte man ihn mit vollem Mund fragen: „Was bitte?“
„Die Hausaufgaben, Ben!!!“, meinte Herr Stavning mit Nachdruck
„Welche Hausaufgaben?“, Ben klang leicht irritiert.
Herr Stavning brach offensichtlich der Schweiß aus.
„Guten Appetit Ben!“, wünschte Sascha gutgelaunt.
„Danke, ebenso!“, erwiderte Ben und man hörte wieder, wie er geräuschvoll von irgendetwas abbiss.
„Warum war da eigentlich kein Nutella drauf?“, fragte Felix in die Runde.
Ben lachte: „Naja, das war so – Ich …“
– „Stoppt ihr mal eure Privatgespräche? Es ist immerhin Unterricht“, grätschte Herr Stavning dazwischen, „Wir beschäftigen uns jetzt mit einer Art ,Splitterstück der Trümmerliteratur‘ – nämlich der Kurzgeschichte, die ihr gelesen haben solltet.“
„Welche Kurzgeschichte“ schmatzte Ben mit vollem Mund.
„Die, die ihr lesen solltet!“ Herr Stavning schien langsam am Ende seiner Geduld zu sein.
„Ihbiezquieckquieckkrckrchschrkriequieckiiiömpf“ gab Leander zu bedenken – die Krachgeräusche, die sein Mikrofon von sich gab, klangen gar nicht gut. Die anderen hatten wohl denselben Eindruck wie ich.
„He Leander, Hast du statt nem Micro ne Konservenbüchse an deinen Computer angeschlossen?“, fragte Sascha vorsichtig.
„Gijtuhquickmkrfdwnizrquiiiieck“, antwortete Leander, bzw. seine technischen Probleme.
„Es klingt ganz danach“, meinte Herr Stavning nachdenklich.
„uickmkrfdwnkquieckkrckrchschrkriequieckiimlqiiiielpf“ gaben Leanders technischen Probleme zur Antwort.
„Ich glaube, das hat er schon mal gesagt …“ meinte Felix grübelnd.
„So kann das doch wirklich nicht weitergehen. Es reicht mir langsam mit wiesen diedeokofzt“ seufzte Herr Stavning.
Ich hielt kurz irritiert inne, die anderen schienen es ebenfalls zu tun. Doch schnell fiel auf, dass es weniger an Herrn Stavnings Aussprachetalent als an seiner Internetverbindung lag, dass wir ihn so schlecht verstehen konnten. Sein Bild hatte sich auch aufgehängt. Sascha kicherte leicht irritiert, Ben schmatzte ins Mikrofon, Herr Stavning blieb stumm und unbeweglich. Dann plötzlich wieder ein Rauschen aus seinem Mikrofon.
„Wobei hpn ümpng imn pfinm intschnietsch“, sagte Herr Stavning.
„Wie bitte?“ Sara hatte das offensichtlich nicht richtig verstanden. Wie sollte sie auch. Keiner von uns konnte Herrn Stavning verstehen. Auch wenn er scheinbar viel zu sagen hätte. Aus seinem Mikrofon drangen weiterhin Laute wie:„Nkquieckkriimlqiiiieckrchschrkriequieck“
– „Jetzt fängt der auch noch damit an …“ stöhnte Sascha.
„Dapf Internepf mipft der Deupfem Bwahn – Pfag if dwopf!“, bemerkte Ben. Dass man ihn nicht so gut verstand, lag wohl eher daran, dass er den Mund immer noch voll hatte.
„Es wäre schon cool, wenn die Lehrer auch in der Schule mal einfach so ausfallen könnten. Wir sehen sie nicht mehr und wenn sie was sagen wollen, hören wir nur ein Rauschen und Quietschen!“, fantasierte Felix vor sich hin.
Herr Stavning konnte es natürlich nicht ohne Protest auf sich sitzen lassen. Eine ganze Kakofonie von Quietsch- Krach- uns Knarzlauten ergoss sich in den digitalen Konferenzraum.
„Was machen wir jetzt, ohne Lehrer?“, fragte Sara konstatiert.
„Ich denke – nix“, meinte Sascha vergnügt, „Oder anders gesagt: Freizeit. Glaubst du, ich hänge noch länger vor der Kiste und höre Herrn Stavning beim Knirschen und Quiecken zu? – Nee ich geh dann mal. Macht‘s gut. Ach ja, und guten Appetit Ben!“. Damit ertönte ein Geräusch und auf dem Bildschirm ploppte ein neues Fenster auf: „Sascha hat das Meeting verlassen.“
Herrn Stavnings Quicklaute wurden lauter und klangen ein wenig echauffiert. Allerdings konnte er seine Schüler damit nicht aufhalten. Und so war der Deutschunterricht dann auch schon wieder vorbei, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte.
Also, desto länger ich darüber nachdenke, desto mehr denke ich, eigentlich mag ich Videokonferenzen doch ganz gern…

