„You got Deutsche-Bahned“

Zwei junge Autoren, ein Koffer voller Bücher und ein verlassener Bahnsteig. So beginnen die Sommerferien bei uns. Die ganze Geschichte gibt es hier in Text und Reimen.

Der Bahnhof von Stein im Südwesten Nürnbergs liegt einsam und verlassen im Licht der Morgensonne, nur auf Bahnsteig 5 stehen zwei junge Männer und ein schwarzer Rollkoffer. Unter ihren altmodischen Schirmmützen stehen zerzauste Haarsträhnen hervor und in ihren hellen Hemden und farbigen Westen sehen sie beinahe aus, wie zwei Hobbits. Würde in diesem Moment ein anderer Reisender den Bahnhof betreten und die Ohren spitzen, würde er noch den Widerhall der unflätigen Verwünschungen hören, mit denen der Ältere den leeren Bahnhof soeben überschüttet hat.

Dieses Szenario zeigt meinen Bruder und mich auf dem Weg zu einer Schullesung, die dank der Bahn kurzfristig abgeblasen wurde.

Kein DB-Navigator und kein Ersatzfahrplan wusste im Vorfeld, dass unser Zug dank Bauarbeiten einen großen Bogen um unseren Zielort machen und uns keine Route mit unter zwei Stunden Verspätung zum Zielort führen würde. Und zu allem Überfluss kämen wir von dort dann nicht mehr zurück. Pech gehabt! Erst die freundliche und äußerst schwäbische Zugbegleiterin wusste schließlich Bescheid, da befanden wir uns allerdings schon auf der Fahrt.

So weit also unsere Schiffbruch-, beziehungsweise Zugbruch-Geschichte. Ein Nachwuchsautor und sein Nachwuchsassistent, gestrandet in der warmen Morgensonne auf einem Vorstadtbahnhof. Der Tag hat noch nicht mal richtig angefangen und ist schon im Eimer. Nachdem ich den schlimmsten Ärger über das verwaiste Gleis geflucht habe, rufe ich meinen Lieblingsdeutschlehrer an, um ihm die Hiobsbotschaft weiterzugeben. Vierzig Exemplare der Hiob-Schule, ihr Autor und sein Bruder sind gestrandet, die Lesung fällt ins Wasser und er darf am letzten Tag des Schuljahres noch einmal improvisieren.

Auf dem Bahnsteig beginne ich so langsam ein tiefes Verständnis für Bahnhofsvandalismus zu entwickeln. Gut, dass mein Bruder und ich beide wohlerzogen und nicht allzu temperamentvoll sind, sonst hätte das hässliche Bahnsteighäuschen mehr abbekommen als finstere Blicke und wütende Wörter.

Eines ist sicher: Mittelerde kann von Glück sagen, dass Frodo und Sam auf ihrem Weg nach Mordor nicht auf die Bahn angewiesen waren.

Eigentlich sollte dies ein hübscher Blogbeitrag zum Start der Sommerferien im deutschen Süden werden. Eine Lesung am letzten Schultag, ein paar signierte Bücher, schöne Fotos, das ganze Programm. Stattdessen endet das Schuljahr mit einer Geschichte, die nur allzu typisch für die Hiob-Schule wäre. Anstatt schöner Bilder einer schönen Lesung gibt es nun also nur ein Bild von zwei genervten und verschwitzten Möchtegern-Hobbits auf halbem Weg ihrer Odyssee. Congratulations! You got Deutsche-Bahned!

„You got Deutsche-Bahned“, diese Formulierung stammt aus meiner liebsten Webserie „Jet Lag: The Game“. Darin machen Sam Denby und sein Team die Welt zu ihrem Spielbrett und haben dabei ebenfalls schon die eine oder andere Erfahrung mit deutschen Bahnen gemacht. Und wenn das Spiel mal wieder von einer Signalstörung, einem Zugausfall oder einer üppigen Verspätung entschieden oder zumindest beeinflusst wurde, brauchte es dafür ein Wort. „Deutsche-Bahned“ trifft es ganz wundervoll. Es klingt nach einem Schlag vor den Kopf, einem einsamen Bahnhof oder einfach einem gründlich ruinierten Tagesplan. Für eine Eindeutschung dieser Wortneuschöpfung fehlt mir allerdings die Kreativität, während Fynn und ich uns mit dem schweren Rollkoffer und ohne Plan auf die Suche nach einem Weg zurück nach Hause machen.

Noch einen Tag zuvor unkte mein Lieblingsdeutschlehrer beim Planen des Termins, nachdem ich gemeint hatte, die Deutsche Bahn sei immer gut für ein Abenteuer, dass es dann ja vielleicht bald einen Gedichtband über Zugabenteuer geben würde. Tja, der Grundstein ist hiermit gelegt. Während andere ihre Wut auf die Bahn an hässlichen Bahnsteighäuschen rauslassen, nutze ich dafür Worte. Hässliche Worte, wie die, die der verlassene Bahnhof in Stein zu hören bekommen hat. Oder auch etwas schönere Worte wie die untenstehenden:

Wie einst Odysseus in der Sage

In der er auf Ogygia strandet

Sitz ich am Bahnsteigrand und frage

Mich: wie bin ich hier gelandet?

Auf Startbahnhof folgt Endstation

Und wurd ich nicht gewarnt?

»Congratulations!

You got Deutsche-Bahned!«

 

Odysseus, das wird mir nun klar

Wär nicht schneller angekommen

Auf seiner Fahrt nach Ithaka

Hät‘ er die Deutsche Bahn genommen

In echt ist sie ein Irrlicht,

Als Transportmittel getarnt.

»Congratulations!

You got Deutsche-Bahned!«

 

Wenn einer eine Reise tut

So tut er wahrlich gut daran

Ist er beharrlich auf der Hut

Und stützt sich nicht nur auf die Bahn

Denn erstens kommt es anders

Und zweitens als geplant

»Congratulations!

You got Deutsche-Bahned!«

Abschließend sei hier eins versichert: Wir geben nicht einfach so auf. Wir sehen uns wieder, liebe Bahn. Die Lesung steht noch aus, der Koffer ist noch gepackt und nach den Sommerferien wartet wieder ein ganzes Schuljahr voller möglicher Termine. Das nächste Mal kommen wir aber besser am Ziel an, sonst kann sich das hässliche Bahnsteighäuschen auf was gefasst machen.

Ich wünsche allerseits wunderschöne Ferien, erholsame Urlaube und einen guten Start ins neue Schuljahr 2026/27!

Euer Joas

"you got Deutsche-Bahned!"
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